Stress und Körper- Macht Stress wirklich krank?

 

„Stehen Sie momentan unter Stress?“

Die 36jährige Patientin hat sich wegen Herzrasen, Rückenschmerzen und Schlafproblemen bei ihrem Hausarzt vorgestellt. Es wurden bereits einige Untersuchungen gemacht – alle Ergebnisse waren unauffällig. Sie zögert mit der Antwort. Ja, sie hat viel um die Ohren momentan. Ihre Mutter ist vor kurzem pflegebedürftig geworden. Ihr Sohn hat Probleme in der Schule. Am Arbeitsplatz kommen mehr und mehr Aufgaben hinzu, oft nimmt sie Arbeit mit nach Hause. Ihren Yogakurs musste sie aufgeben und für ein Treffen mit ihrer besten Freundin bleibt selten Zeit. Aber sie schafft das alles eigentlich noch ganz gut. Und sind ihre Beschwerden nicht eher körperlicher Natur?

Lebensrettend oder gefährlich? Die Stressreaktion

Ein Steinzeitmensch, der sich einem gefährlichen Tier gegenüber sah, musste alle Reserven mobilisieren, um diese Situation zu meistern. Stresshormone fluteten durch seinen Körper und führten zu einem schnelleren Herzschlag, einem Anstieg des Blutdrucks und tieferer Atmung, um mehr Sauerstoff aufnehmen zu können. Auch die Muskelspannung stieg – denn meist blieb nur die Wahl zwischen Kampf und Flucht. Diese Reaktion, die wir Menschen auch heute noch täglich erleben, bezeichnen wir als Stressreaktion.

Aber ganz ehrlich: Wie häufig befinden wir uns heute tatsächlich noch in solch lebensgefährlichen Situationen? Unsere Bedrohungen sind andere: Termindruck, Mobbing, finanzielle Belastungen, Reizüberflutung, Konflikte und Einsamkeit. Doch auch wenn die Belastungen sich gewandelt haben: Unser Körper reagiert noch so wie der des Steinzeitmenschen. Das Problem: Unsere Vorfahren hatten die Möglichkeit, ihre Anspannung durch körperliche Aktivität wie z. B. Kämpfen oder Davonrennen wieder zu lösen. Dies ist heute meist keine sinnvolle Option mehr – wer wird schon mit dem Kollegen kämpfen oder vor dem cholerischen Chef davonlaufen?

Stress und Gefühle

Wir reagieren aber nicht nur körperlich auf eine „stressige“ Situation. Immer sind auch Gedanken und Gefühle im Spiel. Zum Beispiel Angst – Angst, zu versagen, sich zu blamieren, die Arbeitsstelle zu verlieren, der Familie nicht gerecht zu werden. Wie wir uns in einer Situation fühlen, hängt entscheidend davon ab, wie wir sie bewerten: Wer davon überzeugt ist, einen Vortrag vor Kollegen nach gründlicher Vorbereitung souverän halten zu können, empfindet zwar auch eine Form von Stress. Doch dieser Stress beflügelt eher, als dass er hemmt. Zumindest dann, wenn er nur ab und zu auftritt. Wenn wir uns den Vortrag aber nicht zutrauen, ist die Stressbelastung hoch. Denn wir sehen keine Möglichkeit, diese Situation zufriedenstellend zu bewältigen und fühlen uns ängstlich und hilflos.

Macht Stress krank?

Stress gehört zum Leben – und glücklicherweise macht nicht jede Stressbelastung gleich krank. Problematisch wird es aber, wenn wir unter Dauerstress stehen – und keine Möglichkeit haben, uns zwischendurch zu erholen. Denn die kurzfristig sinnvolle Stressreaktion kann auf Dauer Körper und Psyche belasten.

Ständig erhöhter Puls und Blutdruck sind Risikofaktoren für Herz- und Gefäßerkrankungen. Durch die hormonellen Veränderungen bei andauerndem Stress wird das Immunsystem geschwächt, dadurch steigt die Anfälligkeit für Infekte. Auch das Verdauungssystem wird häufig in Mitleidenschaft gezogen: Der Stress „schlägt uns auf den Magen“ oder wir leiden unter Reizdarmbeschwerden. Auch bei Erkrankungen der Atemwege, z. B. beim Asthma, wirkt sich Stress ungünstig aus. Stressgeplagte leiden auch häufiger unter Kopf- und Rückenschmerzen

Auch die psychischen und sozialen Auswirkungen sind enorm: Die Lebensqualität sinkt, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schwindet. Dies wiederum erzeugt mehr Stress – ein Teufelskreis hat sich entwickelt. Auch die sozialen Kontakte leiden, der Stressgeplagte zieht sich zurück und verliert somit mehr und mehr die Möglichkeit, sich durch angenehme Aktivitäten einen Ausgleich zu verschaffen. So überrascht es nicht, dass Dauerstress das Risiko erhöht, an einer Angststörung oder Depression zu erkranken.

Stressfrei leben?

Das halte ich nicht für realistisch und auch nicht für erstrebenswert. Aber wir können lernen, mit Stressbelastungen anders umzugehen. Und wir können unsere Entspannungsfähigkeit trainieren. Damit investieren wir in unsere körperliche und psychische Gesundheit.

 

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